Die Erfahrungen von Anna Lange

Portrait Anna Lange ist zum Zeitpunkt des Interviews 34 Jahre alt. Sie arbeitet als Pressereferentin für eine Zeitung, ist geschieden und lebt allein. Ihre Essstörung begann in ihrer Jugend zu der Zeit, als ihre Mutter an Brustkrebs erkrankte, an dem sie später starb. Mittlerweile hat Anna Lange ihre Essstörung überwunden und kann ihr Leben wieder richtig genießen.

Anna Lange erzählt, dass der Beginn ihrer Essstörung in eine Zeit fiel, in der es ihr eigentlich gut ging. Seit der Trennung der Eltern, als sie noch klein war, hatte sie wieder ein „richtiges Familienleben“, sie hatte viele Interessen, Freunde und war sehr begabt. Anna Lange war fünfzehn, als die Diagnose Brustkrebs der Mutter über diese Zeit hereinbrach. Ohne sagen zu können, wann und wie es genau seinen Anfang nahm, begann sie, ihre Ernährung zu kontrollieren, Kalorien zu zählen und sehr schnell abzunehmen.

Anna Lange erzählt, dass sie die Veränderung damals zunächst gar nicht wahrnahm, weshalb sie Hilfsangebote und Sorgen ihres Umfelds eher als Angriff empfand. Erst als sie völlig entkräftet war, merkte sie langsam, dass etwas nicht stimmte. Sie wandte sich an ihre Mutter, die sie bei einer Psychotherapeutin anmeldete. Obwohl Anna Lange sehr ungern hinging, half ihr die Therapie, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass ihre körperlichen und psychischen Beschwerden mit dem Wenig-Essen zusammenhingen und Magersucht eine Erkrankung ist.

Um nicht in die Klinik zu müssen, schaffte sie es, mithilfe von Trinknahrung und Essplänen etwas zuzunehmen. Als Anna Lange siebzehn war, kehrte der Brustkrebs ihrer Mutter zurück und sie verstarb. An den Satz ihrer Schwester „Du darfst jetzt nicht auch noch sterben.“ erinnert Anna Lange sich noch heute. Sie ist sich sicher, dass sie ohne diesen Satz die spätere Therapiezeit nicht durchgestanden hätte.

Anna Lange beschreibt, dass sie nicht richtig über den Tod ihrer Mutter trauern konnte, sondern mit ihrem Essverhalten ihre negativen Gefühle „wegkontrollierte“. Während ihrer Studienzeit begann sie, sich zwanghaft gesund zu ernähren, was sie als „Besessenheit“ empfand. Als es ihr emotional immer schlechter ging, entschied sie sich für einen Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik, der für sie ein Wendepunkt war. Sie konnte erstmals wieder zunehmen, behielt das zwanghafte Essverhalten allerdings noch bei.

Anna Lange vollendete ihr Studium und trat eine Anstellung bei einer Zeitung an. Mit Mitte 20 begann sie eine ambulante Therapie. Sie beschreibt, dass sie dort lernte, richtig über den Verlust ihrer Mutter zu trauern und sich mit sich selbst auszusöhnen. Für sie ist es wichtig, zu erkennen, dass niemand die Schuld an der Erkrankung trägt. Rückblickend sieht sie die Essstörung als eine Möglichkeit, mit ihrer Trauer umzugehen. Sie erzählt, dass sie mittlerweile ihr Leben genießen und frei und ohne Zwang essen kann.

Das Interview wurde im Frühling 2016 geführt.

 

Alle Interviewausschnitte von Anna Lange

Anna Lange weiß selbst, wie schwierig es ist, aber sie wünscht anderen, zu erkennen, dass es noch anderes im Leben gibt als die Essstörung.

Anna Lange sieht die Hilflosigkeit von Angehörigen und ist sich sicher: Eine Essstörung ist eine Erkrankung, und niemand ist schuld.

Anna Lange profitierte am meisten von der Therapie, in der sie als Person, der es schlecht ging, im Mittelpunkt stand, und nicht als Magersüchtige.

Anna Lange erzählt, dass ihr Körper sie spüren ließ, dass sie keine Kraft mehr hatte und an ihre Grenzen kam.

Für Anna Lange wurde das Kalorienzählen nach und nach immer wichtiger.

Anna Lange erzählt, dass sie mit der Kontrolle über das Essen und den Körper eigentlich versuchte, ihre Gefühle zu kontrollieren.

Anna Lange beschreibt, wie es ist, wenn alle beim Essen versuchen, nicht auf ihren Teller zu gucken.

Anna Langes Schwester machte ihr klar, dass sie an der Essstörung sterben könnte.

Anna Lange erkannte durch ihre Therapeutin, dass die Entwicklung ihrer Essstörung mit der Krebserkrankung ihrer Mutter in Zusammenhang stand.

Anna Lange konnte ihre körperliche Veränderung im Spiegel lange nicht sehen.

Anna Lange meint im Nachhinein, dass sie im Essen etwas suchte, das sie sonst in ihrem Leben nicht fand.

Artikelaktionen

Förderung dieses Moduls

Dieses Modul wurde finanziert durch eine private Spende.