Körperbild

Unsere Erzählerinnen machen deutlich, dass die Essstörung einen großen Einfluss auf ihren Körper, dessen Funktionen und ihr Körpergefühl nimmt bzw. genommen hat (siehe Körperliche Folgen). Gleichzeitig beeinflusste sie bei den meisten auch das Bild, das sie von ihrem Körper haben; beispielsweise, ob sie sich als dick oder dünn, schön oder hässlich wahrnehmen. Das hat ebenso Folgen für die Beziehung zum eigenen Körper: lehne ich ihn ab oder kann ich ihn annehmen.

Es ist sehr unterschiedlich, welche Erfahrungen die Erzählerinnen vor Beginn der Essstörung mit ihrem Körper machten. Manche von ihnen erzählen, dass sie eigentlich immer zufrieden waren oder sich wenig Gedanken machten und auch das Gefühl hatten, von anderen Menschen in ihrer Umgebung wohlwollend betrachtet zu werden. Einige erzählen, dass sie sportlich waren und ein gutes Gefühl für ihren Körper hatten. Andere sagen, dass sie sich in ihrem Körper nie wohlfühlten, ihn nie schön fanden, sich immer „zu kräftig“ oder „zu dick“ fühlten. Manche erzählen, dass sie wegen ihres Aussehens gehänselt wurden oder erinnern sich an unangenehme Kommentare ihrer Familienmitglieder. Es gibt auch Erzählerinnen, die berichten, dass ihr Körper für sie ein Problem wurde, als er in der Pubertät ein „weiblicheres“ Aussehen bekam. Einige sagen im Nachhinein, dass die Essstörung überhaupt nur zu Anfang etwas mit dem Aussehen zu tun hatte, und schnell eine ganz eigene Funktion übernahm.

Die Erzählerinnen erlebten, dass sie – je weiter sie in die Essstörung kamen – ihren Körper nicht mehr richtig wahrnehmen konnten. Sie betonen, dass es in akuten Phasen der Essstörung nicht möglich ist, sich selbst „realistisch“ zu sehen. Claudia Siebert erzählt: „80 Prozent der Zeit sehe ich mich nicht so im Spiegel, wie ich wirklich bin.“ Manche erzählen, dass sie nicht sehen konnten, wie abgemagert sie wirklich waren. Andere konnten es sehen, empfanden sich aber auch im extremen Untergewicht noch als „zu fett“. Alexandra Jung sagt, dass es „wache Momente“ gab, in denen sie sehen konnte, wie sehr sie abgenommen hatte, aber dass sie sich sonst ausschließlich durch die „Ich-bin-dick-Brille“ sah. Helene Weber sagt, für sie geht es um „das Gefühl, dünn zu sein und nicht so sehr, mich dünn zu sehen. Ich will mich dünn fühlen und ich fühle mich nicht dünn – ich fühle mich halt dick. Und dann kann die Zahl auf der Waage noch so klein sein“. Manche Erzählerinnen, die die Essstörung weitestgehend hinter sich gelassen haben, sagen, dass es für sie heute noch schlimm ist, Fotos aus dieser Zeit zu sehen.

Viele unserer Interviewpartnerinnen erzählen, dass sie ihren Körper als etwas erleben, das nicht richtig zu ihnen gehört. Sie bedauern, dass sie ihn immer bewerten, wenn sie ihn anschauen. Katharina Wagner sagt: „Ich gucke an mir runter und es gehört irgendwie nicht zu mir. Das ist einfach immer gewertet: Das ist zu viel, zu wenig.“ Einige erzählen, dass ihre Wahrnehmung schwankt, je nachdem wie es ihnen sonst gerade geht: An guten Tagen finden sie sich schön, wenn es ihnen nicht so gut geht, finden sie auch ihren Körper hässlich. Manche unserer Erzählerinnen betonen, wie sehr aus ihrer Sicht ihre Wahrnehmung ihres eigenen Körpers mit gesellschaftlichen Idealbildern zusammenhängt, und dass „Dicksein“ oder „Dünnsein“ noch mit ganz anderen Eigenschaften und Werten verbunden ist.

 

Sich mit dem Körper wieder anfreunden

Manche der Erzählerinnen erlebten Sport als sehr hilfreich, um wieder ein besseres Gefühl für ihren Körper und seine Grenzen zu bekommen, eine bessere Beziehung zu ihm herzustellen und wieder Kraft aufzubauen. Katharina Wagner erzählt, dass es für sie beim Sporttreiben möglich ist, sich mit ihrem Körper wieder als Einheit zu erleben. Alexandra Jung hilft der Sport dabei, wieder normaler zu essen, weil sie davon Hunger bekommt und weiß, dass sie nicht trainieren kann, wenn sie nichts isst. Eine Interviewpartnerin erzählt: „Das hat mir unwahrscheinlich viel gegeben, dieses Körpergefühl. Zu spüren: Der Körper ist nicht dein Feind, sondern der gehört zu dir, so wie er ist. Das war wahnsinnig wichtig.“ Einige beschreiben einen schmalen Grad: Sie machten in der Essstörung exzessiv Sport, um Kalorien loszuwerden. Sie erleben jedoch auch, dass moderater Sport, bei dem der Fokus eher darauf liegt, den Körper zu spüren (wie Yoga, Spaziergänge, Tanzen) ihnen auf vielen Ebenen sehr hilft, sich ihrem Körper wieder zu nähern und sich mit ihm zu versöhnen. Manche beschreiben jedoch ihre Vorsicht, weil sie wissen, dass sie schnell wieder damit beginnen könnten, den Sport mit Leistungsdruck und Disziplin zu betreiben, um den Körper zu kontrollieren. Manchen hat es geholfen, zunächst mit einer Körpertherapie, Atemübungen oder einem Yogakurs zu beginnen. Einige beschreiben Reiten oder therapeutisches Arbeiten mit Pferden als gute Möglichkeit, den Körper wieder zu spüren (siehe Ergänzende Unterstützung: Kreativ- und Körpertherapie, Ernährungsberatung, Wohngruppe). Manchmal waren es auch andere Erfahrungen, durch die unsere Erzählerinnen sich mit ihrem Körper besser versöhnen konnten: Ein Fotoshooting, eine neue Partnerschaft oder die Arbeit am Selbstwertgefühl.

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